Initiativgruppe Lager Mühlberg blickt auf 35 Jahre ihres Bestehens
Am 11. Januar 1991 gründeten ehemalige Insassen des sowjetischen Speziallagers Nr. 1 den Verein, der sich der Aufarbeitung und Versöhnung verschrieb
Jahrzehntelang lag über dem Lager Mühlberg staatlich verordnetes Schweigen: Erst nach der friedlichen Revolution im Jahr 1989 wurde es möglich, über die Internierung zehntausender Menschen in einem Speziallager (1945-1948) des sowjetischen Geheimdienstes NKWD im vormaligen Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht bei Neuburxdorf zu sprechen. Engagierte Menschen vor Ort nahmen sich ebenso wie ehemalige Insassen des Speziallagers und deren Angehörige der Aufgabe an, die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte aufrechtzuerhalten. Am 11. Januar 1991 gründete sich der Verein „Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V.“. Hinter der Initiativgruppe liegen 35 Jahre, in denen viel bewegt wurde – und sich das ehemalige Lager zu einem würdigen Ort des Gedenkens und der Versöhnung entwickelte.
Mit dem Fall von Mauer und SED-Herrschaft endete auch das Schweigen. Im Januar 1990 gingen die ersten Anfragen in Mühlberg ein, in denen sich Hinterbliebene von im Lager Verstorbenen nach Grabstätten oder Informationen zum Schicksal ihrer Angehörigen erkundigten. Bis zum Sommer habe man mehr als 2.500 Nachrichten erhalten, erinnert sich Matthias Taatz, damals Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Mühlberg/Elbe und heute Vorsitzender der Initiativgruppe.
Um reagieren zu können, hatte sich bereits im März 1990 am „Runden Tisch“ in Mühlberg ein Arbeitskreis Lager Mühlberg gegründet. Unabhängig davon trafen sich Anfang April 1990 etwa 30 ehemalige Inhaftierte auf dem Lagergelände. Mit einem ersten Gedenktreffen am 1. September 1990 war das Schweigen endgültig gebrochen. In einem Trauergottesdienst, gehalten von Matthias Taatz´ Vater, Pfarrer Martin Taatz, gedachte man der Toten des Lagers. 2.000 Teilnehmer zählte diese Begegnung, bei der in einer Resolution die Rehabilitierung der Inhaftierten gefordert wurde. Zugleich wurde die bis heute anhaltende Tradition der Mahn- und Gedenktreffen am ersten Wochenende im September begründet. Nach der Gründung der Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V. als Verein durch ehemalige Inhaftierte am 11. Januar 1991 schließlich bündelten sich die Bemühungen um die Aufarbeitung der Geschichte des Lagers.
Zu den Aufgaben, derer sich die Mitglieder annahmen, gehörte zum einen die Pflege des Lagergeländes, um zunächst die Lagerstraße wieder sicht- und benutzbar zu machen, und die Gestaltung der Gräberfelder. Zum anderen auch die Dokumentation von Zeitzeugenberichten und Aufarbeitung schriftlicher Quellen. Achim Kilian, ehemaliger Häftling und Historiker erstellte die erste umfassende historische Dokumentation. Vor allem durch präzise Skizzen des ehemaligen Lagers, die Walter Schöne, ebenfalls ein ehemaliger Häftling, anfertigte,
konnten die Grabstätten lokalisiert werden. Zu den Personen, die als taktgebende Mitwirkende ebenfalls genannt werden müssen, zählen Gottfried Becker, erster Vorsitzender der Initiativgruppe, und Eberhard Hoffmann, der ebenfalls lange Jahre den Vorsitz innehatte und für sein Wirken mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.
Doch nicht nur dem Thema Speziallager widmete und widmet sich die Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. Was die Initiativgruppe ausmacht und ihr bereits in vielfältiger Weise Respekt und Anerkennung einbrachte, ist der Umstand, dass sie gleichermaßen auch der Vorgeschichte des Speziallagers als Kriegsgefangenenlagers der Wehrmacht (Stalag IV B) gedenkt und dessen Tote ehrt. „Dass die Begründer der Initiativgruppe als ehemalige Speziallager-Häftlinge die Idee, beider Lager zu gedenken, ohne Zögern aufnahmen, hat mich unglaublich beeindruckt“, so Matthias Taatz, der heute der Initiativgruppe vorsteht.
Die Tatsache, dass das Speziallager eine Folge des zuvor von Nazi-Deutschland begonnenen Weltkrieges darstellt, ist in der Erinnerungsarbeit für das Lager Mühlberg stets präsent. Dies befreit das Gedenken im Lager Mühlberg von Spannungen, die an anderen Orten mit ähnlicher Geschichte auftreten. Das spiegelt sich auch wieder in der Beteiligung politischer Repräsentanten wie dem späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck (2004), dem damaligen brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm (2008) oder der brandenburgischen Kultusministerin Johanna Wanka.
Rund 400 Mitglieder zählte der Verein zu Hochzeiten in den 90er-Jahren, als noch viele Ehemalige ihre eigenen Erinnerungen in das Gedenken einbringen konnten. Dass die Vereinskartei noch immer um die 300 Mitglieder umfasst, liegt auch daran, dass Kinder und Enkel Betroffener sich für die Sache interessieren und engagieren. Den Generationswechsel zu bewältigen ist dennoch eine Herausforderung, der sich die Initiativgruppe 35 Jahre nach ihrer Gründung - und 78 Jahre nach Auflösung des Lagers Mühlberg - stellen muss.
Ihr Jubiläum will die Initiativgruppe Lager Mühlberg am 19. Juni um 17 Uhr mit einer musikalischen Lesung des Buches „Musik wo Schweigen ist“ im evangelischen Gemeindezentrum in Bad Liebenwerda begehen.
Höhepunkte der Geschichte der Initiativgruppe
1995 – Ausrichtung des Mahn- und Gedenktreffens anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers bereits im April. Zahlreiche offizielle internationale Vertreter, u. a. aus USA, Großbritannien, Frankreich und Russland, nehmen teil.
2005 – Mahn- und Gedenktreffen im Lager Mühlberg mit starker Beteiligung ehemaliger britischer Kriegsgefangener der „Friends of Stalag IVB ex PoW Association“.
2008 – Einweihung der Namenstafeln der 6766 Todesopfer des sowjetischen Speziallagers, nachdem bereits in den Jahren zuvor ein Hochkreuz auf dem Gräberfeld errichtet worden war.
2020 – Auszeichnung durch die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur im Rahmen des Karl-Friedrich-Fricke-Preises.
Über das „Lager Mühlberg“
Das Stammlager IV B (Stalag IV B) wurde 1939 von der Wehrmacht zur Internierung von Kriegsgefangenen errichtet. Bis 1945 durchliefen rund 300.000 Gefangene aus 40 Nationen das Lager, insgesamt konnten bis zu 16.000 Personen gleichzeitig hier festgehalten werden. Rund 3.000 Kriegsgefangene kamen im Lager ums Leben. Die meisten von ihnen waren sowjetische Kriegsgefangene, die nicht den Genfer Konventionen entsprechend behandelt wurden. Das Stalag IV wurde Ende April 1945 von der Roten Armee befreit.
Im September 1945 wurde das Kriegsgefangenenlager zum Speziallager Nr. 1 des sowjetischen Geheimdienstes NKWD umgewandelt. Unter unsäglichen Bedingungen und ohne jedes Urteil interniert wurden hier Personen, die in der Regel auf unterer Ebene eine Funktion im nationalsozialistischen Herrschaftssystem hatten, als NSDAP-Unterstützer lediglich denunziert worden waren oder die aus Sicht des Besatzungsregimes eine Gefahr für die neue Ordnung darstellten. Unter den Insassen waren auch viele Jugendliche. Insgesamt durchliefen mehr als 21.800 Inhaftierte das Lager. In den sowjetischen Akten sind 6.765 Todesfälle verzeichnet. Das Lager wurde Ende 1948 aufgelöst, nachdem knapp zwei Drittel der Insassen entlassen, die restlichen rund 3.000 ins Speziallager Nr. 2 Nach Buchenwald verlegt worden waren.
Foto: Karsten Bär



