Nun wächst wieder zusammen, was zusammen gehört

Nun wächst wieder zusammen, was zusammen gehört

Liebe Leser in Bad Liebenwerda und Umgebung!

Bestimmt kommt Ihnen der Ausspruch in der Überschrift noch einigermaßen bekannt vor. Nach 1990 war es ein oft gebrauchtes Zitat.

„Zusammengewachsen“ ist ja in den vergangenen 30 Jahren tatsächlich sehr viel, aber wie wir alle wissen, längst nicht alles.

Eine klitzekleine, aber erwähnenswerte „Wiedervereinigung“ hat am Sonntag , den 13. Juni in Bad Liebenwerda stattgefunden und die Geschichte dazu soll heut hier geschildert werden.

Zuerst muss ich mich Ihnen kurz vorstellen. Werner Lindner ist mein Name, ich wohne in Königsbrück – das ist dort, wo die liebe Oberlausitz beginnt – ich bin der Küster der Stadtkirche und an heimatgeschichtlichen Zusammenhängen einigermaßen interessiert. Das ist wohl auch der Grund weshalb mein Respekt und meine Hochachtung vor den Leistungen unserer Vorfahren mit den Jahren so gewachsen sind.

Und nun die kleine Geschichte:

Es war vor etwa 4 Jahren, als ein alter Herr aus dem Rheinland auf der Suche nach seinen Vorfahren nach Königsbrück gekommen war. In den Kirchenbüchern haben wir gemeinsam nach Spuren gesucht, uns lange unterhalten und gegenseitig interessante Informationen ausgetauscht. Mit einem Tag war’s nicht getan, denn schon bald hatte ich gemerkt, dass der Senior ein großes Kunstwissen hatte, viel zu berichten wusste und mit offenen Augen die schlichte Schönheit unserer kleinen Stadt wahrgenommen hatte. Und so verging die Zeit bis zur Abreise am anderen Tag sehr schnell. Besondere Freude: Er übergab mir ein altes Schreiben aus seiner privaten Sammlung, was Bezug zu unserer Stadt hatte – „Kleinigkeiten“ die Heimatgeschichte lebendig halten! Er reiste ab – wir blieben telefonisch in Verbindung.

Eines Tages erfuhr ich, dass er in seiner umfangreichen Kunstgutsammlung auch ein altes Taufbecken aus Zinn besitze, was ursprünglich aus der Stadtkirche zu Liebenwerda stammte. „Das gehört doch eigentlich dorthin“ – war mein Vorschlag am Telefon. „Ach wissen Sie, Herr Lindner, der Meinung bin ich auch und deshalb habe ich die Stadt Liebenwerda auch vor einiger Zeit besucht. Es ist eine wunderschöne Stadt! Aber leider hielt sich die Begeisterung des dortigen Pfarrers zur etwaigen Rückführung der Taufschale sehr in Grenzen. Der Herr Uschner vom Heimatmuseum hatte jedoch großes Interesse die Taufschale für das Museum zu erwerben. Aber, ich bin der Meinung es ist ein sakraler Gegenstand der einmal zur Verwendung bei Taufen gestiftet wurde, daran sollte gedacht werden. Ich trenne mich nur von der Zinnschale, wenn sie wieder in Gebrauch genommen wird…

Einige Zeit verging. Meine liebe Frau war zur Kur in Bad Liebenwerda, ich besuchte sie. Beim Rundgang durch die Stadt musste ich wieder an die weit weg, in einer privaten Kunstgutsammlung liegende Taufschale denken.

Ein Anruf – zwei Anrufe – drei Anrufe und der „Alte Herr“ – so darf ich ihn nennen – war einverstanden, dass ich nun nach einigen Jahren noch mal einen „Anlauf“ machen sollte um das, was zusammen gehört auch wieder zusammen zu fügen. In der Zwischenzeit bekam ich auch eine Fotografie von der Zinnschale, samt Inschrifttext. Dort war zu lesen, dass die Taufschale und der Taufstein selbst 1671 der Liebenwerdaer Kirche geschenkt wurden. Kurzes Überlegen – das sind ja im Juni 2021 genau 350 Jahre!

Beherzt bin ich nach Bad Liebenwerda gefahren, habe mich beim (inzwischen neuen) Pfarrer mit dem Anliegen vorgestellt. Die erste Begegnung, als die Kirche im vorigen Jahr Baustelle war, verlief sehr sachlich, denn alle zur Verfügung stehenden Geldmittel waren für die Kirchensanierung eingeplant.

Nun weiß ich aus einiger Erfahrung, dass eine Sache, wenn sie zustande kommen soll, sich nicht zu allererst am fehlenden Geld orientieren sollte. Bei der zweiten Begegnung konnte ich Herrn Pfarrer Linke berichten, dass das Taufbecken ohne finanzielle Belastung für die Kirchgemeinde wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt werden könnte. Das sollte möglich werden, weil ich in der Zwischenzeit einen sehr bekannten Mann aus Bad Liebenwerda gefunden hatte, der mir sofort freudig sagte: „Natürlich muss die Taufschale wieder ihren angestammten Platz bekommen. Ich werde dafür sorgen, dass das Geld zusammen kommt!“

Nun folgten einige Telefonate zwischen Rheinland, Königsbrück und Bad Liebenwerda. Die Rückführung konnte vorbereitet werden und nicht irgendwann, sondern im Juni 2021 – genau 350 Jahre nach der Stiftung des Taufsteines mit Schale durch den damaligen Bürgermeister von Liebenwerda.

Und das Schöne an der ganzen Sache, wissen Sie liebe Leser, wer der begeisterte Mann war, der dafür gesorgt hat, das die 850 Euro da waren – Euer jetziger Bürgermeister, Johannes Berger! Durch seine Vermittlung konnte der Preis für diese kleine, aber bemerkenswerte „Wiedervereinigung“ zur Verfügung gestellt werden. Ganz herzlichen Dank!

Unser lieber „Alter Herr“, Herr Wolfgang Schröder, Bezirksschornsteinfegermeister i.R. aus Leverkusen ist jedenfalls hoch erfreut, dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, einen kirchlichen Kunstgegenstand wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zu übergeben. Wie die Schale, vermutlich vor sehr langer Zeit, überhaupt abgängig war, ist bisher nicht bekannt. Vielleicht kommt zufällig einmal ein Hinweis aus alten Kirchenakten. Eins aber ist sicher: Herr Schröder hat das Becken vor vielen Jahren als Kunstgutsammler ehrlich gekauft für 850 Euro. Ein Händlergeschäft wollt er daraus nicht machen. Die 850 Euro wollt er gerne wieder haben – keinen Cent mehr!

Und heute am 13. Juni war es nun soweit. Herr Schröder war trotz seines hohen Alters mit dem Zug angereist und konnte sichtlich gerührt miterleben, wie das Taufbecken zum Gottesdienst unter freudigem Chorgesang feierlich in die Kirche getragen und von Herrn Pfarrer Linke am Taufstein in Empfang genommen wurde. Bereits am 27. Juni soll die erste Taufe stattfinden.

Bleibt bloß noch zu wünschen, das Taufbecken und Taufstein nun wieder vereint, recht oft genutzt werden, damit nicht nur Kulturgut zu Ehren gekommen ist, sondern auch das um vieles wertvollere Gut des Glaubens der nächsten Generation weitergegeben wird.

Danke Herr Schröder, danke Herr Berger, danke liebe Spender und: „Gott sei Dank!“

Werner Lindner