Neuigkeiten von der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V

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Gedanken zum Arbeitseinsatz in der Gedenkstätte Lager Mühlberg 2020

Alles war für den diesjährigen Arbeitseinsatz in der Gedenkstätte Lager Mühlberg vorbereitet: Wir hatten so viele Zusagen zur Mitarbeit wie nie zuvor in den letzten Jahren, schon rechneten wir mit über 100 Teilnehmern, aus Mühlberg, Bad Liebenwerda und ganz Deutschland. Die Arbeitsaufgaben waren vorbereitet, das Zelt war bestellt, das Essen geplant, und auch die Übernachtungen.

Dann kamen die ersten Nachrichten zu dem neuen Virus. Wir beobachteten es mit Sorge, wir wollten es nicht wahrhaben, wir überlegten, wie wir trotzdem etwas tun könnten, aber schnell mussten wir die Wahrheit akzeptieren: der Arbeitseinsatz kann unter diesen Bedingungen nicht stattfinden.

Das ist schade, für alle, die mithelfen wollten, die sich treffen wollten, die ihren Beitrag für den guten Zweck des Erinnerns an die Geschichte des Lagers Mühlbergs leisten wollten. Es ist schlimm für alle Firmen und Geschäfte, die nun Verdienstausfälle haben, die sie nicht mehr ausgleichen können.

Wir müssen nun überlegen, ob wir etwas nachholen können, ob wir etwas verschieben können, was unter den jetzigen Bedingungen noch möglich sein kann. Für Entschlüsse ist es zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch zu früh, die Unsicherheit über die nähere Zukunft ist zu groß.

Aber der Zweck unseres Arbeitseinsatzes sollte es ja sein, eine würdige Gedenkstätte zu haben, und uns selbst und allen anderen Besuchern einen guten Anlass zu geben, über die Geschichte des Lagers Mühlberg nachzudenken. Das Nachdenken bleibt uns unbenommen. Deswegen möchte ich hier Einiges aus der Geschichte des Lagers Mühlberg ins Gedächtnis rufen, damit wir uns erinnern , und auch andere erinnern können, an die Geschehnisse im Lager Mühlberg.

Angehörige der im Stalag IV B Gefangenen wollten in diesem Jahr zum Gedenken an 75 Jahre Befreiung des Stalags IV B nach Mühlberg kommen, Gedenkveranstaltungen im Lager Mühlberg, in Neuburxdorf und Zeithain waren geplant. Erinnert werden sollte an den 23. April 1945, an dem  die deutschen Wachmannschaften das Stalag IV B Mühlberg verlassen hatten. Die Vertrauensleute der Kriegsgefangenen hatten das Kommando im Lager übernommen, am selben Tag noch marschierten Rotarmisten ein. Dieses Gedenken kann nun so nicht stattfinden, denn niemand kann reisen und Menschenansammlungen sind nicht zulässig.

Während wir selbst heutzutage unter den Kontaktsperren wegen der Virusgefahr leiden, erinnern wir uns aber, dass im Stalag IV B und im NKWD Speziallager Nr. 1 die Kontaktsperren viel umfänglicher waren, die Seuchengefahr war damals immer präsent und für viele lebensgefährlich.  Ruhr, Typhus, Diphtherie, Scharlach und Tuberkulose waren gefürchtete Infektionskrankheiten, die bereits unter normalen Bedingungen schwer zu bekämpfen waren und viele Opfer forderten. Um wie viel mehr mussten sich diese Krankheiten in den Lagern auswirken, wo Tausende Menschen unter unzureichenden Bedingungen auf engstem Raum eingesperrt waren.

Im Stalag IV B waren die schlimmsten Infektionskrankheiten Diphtherie und vor allem Typhus, das Fleckfieber. Bis 1941 waren die verschiedenen Nationalitäten im Lager nicht sehr stark getrennt. Das änderte sich, als unter den Sowjetgefangenen Typhus ausbrach. Am 30. Dezember 1941 erging der Befehl, sie von den anderen Gefangenen strikt zu isolieren. Der französische Kriegsgefangene Louis-Gérard Villeroy berichtet, zunächst die Russen in denselben Räumen behandelt wurden, wie die Franzosen. Das änderte sich, als täglich etwa 20 Russen im Lager starben. Die Maßnahmen gegen die Seuche waren: strenge Isolation der Sowjetgefangenen, die man damit im Wesentlichen ihrem Schicksal überließ, sowie umfangreiche Desinfektion der Kontaktbereiche. Die Toten wurden übereinander gestapelt auf Leichenwagen nach Neuburxdorf gebracht und dort in Massengräbern beerdigt, sofern es Sowjetsoldaten waren. Die Opfer der Westalliierten wurden in Einzelgräbern mit einer Zeremonie begraben. Eine große Zahl der Todesopfer des Stalag IV B geht auf Typhus zurück. Neben den Sowjetgefangenen starben auch Kriegsgefangene anderer Nationen, die im medizinischen Dienst tätig waren, sowie Angehörige des deutschen Wachpersonals an der Seuche.

Ab September 1945, im sowjetischen Speziallager Nr. 1, gab es die spezielle Krankenstation I für Infektionskrankheiten wie Diphterie, Ruhr, Scharlach und Typhus. Die große Seuche der Speziallager war jedoch die Tuberkulose, für die eine eigene Krankenstation II unter Leitung von Dr. Walter Lindig eingerichtet wurde. Walter Lindig, ein Tuberkulosespezialist aus Reiboldsgrün,  baute nach seiner Entlassung aus dem Lager Mühlberg die Robert-Koch-Klinik in Leipzig zu einem Lungenheilzentrum aus und wurde Nationalpreisträger der DDR. Heute verschweigt die Stadt Leipzig seinen Namen, da er zur NS-Zeit Schulungen für Ärzte gab, deren Inhalt nicht bekannt ist, die aber in Zusammenhang mit den Vorbereitungen der Tötungsaktionen der Nazis gestanden haben könnten.

Viele Inhaftierte im Speziallager Mühlberg starben an Tuberkulose, da es fast keine Medikamente gab und die Ernährung und Hygiene unzureichend waren. Wie alle Opfer des Speziallagers wurden die Toten in Massengräbern direkt außerhalb des Lagergeländes begraben.

Eine kleine Erleichterung in der Behandlung der Kranken verschaffte die Beschaffung eines Röntgengeräts im Frühjahr 1948 („testen, testen, testen“), aber für viele kam es zu spät. Die wesentliche Medikation bei Tuberkulose bestand in einer etwas besseren Ernährung. Als am 17. September 1948 die verbliebenen etwa 3000 Gefangenen des Speziallagers Mühlberg mit Eisenbahnwaggons vom Bahnhof Neuburxdorf aus ins Speziallager Buchenwald transportiert wurden, befanden sich unter ihnen laut sowjetischer Zählung 672 Menschen mit offener Tuberkulose, sowie viele weitere mit geschlossener Tuberkulose. Auch der Röntgenapparat aus Mühlberg wurde nach Buchenwald mitgenommen, denn dort gab es nur einen einzigen, der für die  schon vorhandenen Tuberkulosekranken keinesfalls ausreichte. Auf dem Transport und im Speziallager Buchenwald gab es keine Isolierung der Kranken, so dass die Krankheit immer weiter um sich griff. Als man dann anfing, die Kranken zu isolieren, legte man sie nach Symptomen in eine Baracke, so dass die Kranken mit Bronchitis mit den ansteckenden Tuberkulosekranken zusammen kamen. Im Mai 1949 waren dann 30 Prozent der Gefangenen im Speziallager Buchenwald an Tuberkulose erkrankt.

Die Ärzte in den Speziallagern versuchten mit einfachsten Mitteln die Kranken zu behandeln. Schimmliges Brot wurde als Ersatz für Penicillin gegeben, aus abgeschnittenen Fingernägeln wurden Medikamente gekocht. Operationen wurden unter primitivsten Bedingungen ohne Betäubungs- oder Schmerzmittel durchgeführt. Viele von ihnen und vor allem von den Krankenpflegern und -pflegerinnen, allesamt auch Gefangene, steckten sich jedoch an und fielen selbst den Seuchen zum Opfer.  Akribisch wurde von den Lagerärzten über die Kranken und über die Toten Buch geführt. Viele Erfahrungen der Lagerkrankheiten sind in dem achtbändigen Werk von Ernst Günther Schenck und Wolfgang von Nathusius „Extreme Lebensverhältnisse und ihre Folgen. Handbuch der ärztlichen Erfahrungen aus der Gefangenschaft“ niedergeschrieben. Wolfgang von Nathusius war selbst Arzt im Speziallager Mühlberg. Im Juni 1946 wurde er mit 680 anderen Gefangenen in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit deportiert, er kehrte erst 1949 schwerkrank zurück.

Wir sehen, dass das Lager Mühlberg wie ein Brennglas wirkte: alles, was sowieso schon schlimm und besorgniserregend war, wurde innerhalb des Lagers zur tödlichen Bedrohung für die Menschen. Dazu zählen auch die Isolation und die Gefahr durch Seuchen und Krankheiten. Wir sollten diese Geschichten weiter erzählen, damit uns immer wieder, gerade in Zeiten wie diesen, klar wird, warum wir Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen haben müssen und haben wollen. Damit sich so etwas wie das Lager Mühlberg nie wiederholt.

Frieden und Gerechtigkeit sind die Grundpfeiler, die es uns ermöglichen werden, mit anderen Herausforderungen gemeinsam fertig zu werden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Wohlergehen, kommt gut durch die schwierige Zeit, und ich freue mich schon auf unser nächstes Treffen und auf unseren nächsten gemeinsamen Arbeitseinsatz, auch wenn wir dafür noch eine Weile Geduld haben müssen.

Uwe Steinhoff, 17. April 2020